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Robert Rankin


Als Robert Rankin Ende der 70er Jahre seine Karriere als Schriftsteller begann, hatte er nur ein Ziel: ein ganz neues, eigenes Genre zu schaffen, das der sogenannten "Weit-Hergeholten Literatur". Nun, es ist ihm gelungen. Die Auflagen seiner Bücher belaufen sich inzwischen auf über eine Million, in den englischen Buchhandlungen hat er eine eigene Abteilung bekommen, seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Brentford, England. Noch!
Über Robert Rankin kursieren zahllose Biographien. Das muß auch so sein bei einem Mann, der schon so viele Leben gelebt hat. Hier ist eine der umfangreicheren. Zusätzlich gibt es ein Interview mit dem Autor.
1) Die Biographie:
Robert Rankin wird im Oberen Sumatra noch immer als Gott verehrt. Eine ganze Generation betet ihn als den Mann an, der Jimi Hendrix in Woodstock mit einem Ukulele-Solo an die Wand gespielt hat. Doch in seiner Heimat England ist Robert wohl am ehsten bekannt als der einzige Autor, dem es bisher gelungen ist, zwanzigmal hintereinander den begehrten Robert-Rankin-Literaturpreis für den besten Roman aller Zeiten zu gewinnen. Robert hat bis heute übrigens ungefähr zwanzig Romane geschrieben.
Er hat es abgelehnt, der neue James Bond zu werden, da er noch immer vom Ehrgeiz besessen ist, ein Weltklasse-Formel-Eins-Fahrer zu werden bzw. der Diktator einer kleinen südamerikanischen Republik. Oder ein Grundstücksmakler. Oder eine Teekanne.
Robert hat bereits 39 verschiedene Jobs gehabt. Er war u.a. Illustrator, Rocksänger, Verkäufer von Gartenzwergen, Dichter, Abenteurer, Schwertkämpfer und Konzertpianist, Bergsteiger, einsamer Weltumsegler, Shakespeare-Mime und Oben-Ohne-Tänzer in einem Nachtclub.
Zu seinen Hobbys zählen das passive Rauchen und das Kommunizieren mit den Toten ? und das Herumdichten an seiner Biographie.
2) Das Interview:
Interview mit Robert Rankin zum Erscheinen des Buches Der Garten unirdischer Gelüste
INTERVIEWER: Robert Rankin, in Großbritannien sind Sie inzwischen ein bekannter Autor, in Deutschland sind Sie auf dem besten Wege dazu. Die Londoner Times bezeichnete Sie kürzlich als eine Mischung aus Shakespeare und Stephen King und nannte Sie ganz generell einen großen Geschichtenerzähler. Haben Sie eine Ahnung, woher Sie dieses Talent haben?
ROBERT RANKIN: Das Talent, Geschichten zu erzählen, habe ich sicherlich von meinem Vater geerbt. Von Beruf war er Tischler, aber er war ein grandioser Geschichtenerfinder. Ich kann mich noch ganz genau an meinen ersten Schultag erinnern. Die Lehrerin fragte mich: ?Welchen Beruf hat dein Vater?? Und ich sagte: ?Mein Vater ist Walfänger!? Sie war ziemlich beeindruckt und fragte, ob mein Vater einen Vortrag über den Walfang halten könne. Und in der Tat, er kam in meine Klasse, brachte eine riesige Harpune mit und erzählte eine Stunde lang von seinen großen Abenteuern. Jeder in der Klasse war begeistert, und ich war ein Held. Was ich damals noch nicht wußte: Es war alles erfunden. Bei seiner Beerdigung vor fünf Jahren kam der Pfarrer ans Grab und sagte zu der Trauergemeinde: ?Nun, ich habe Mister Rankin erst vor neun Monaten kennengelernt, aber er war ein außergewöhnlicher Mann. Er ist allein durch die Wüste marschiert, hat die höchsten Berge erklommen, er segelte auf einer Jacht ganz alleine um die halbe Welt.? Ich stand fassungslos am Grab und dachte, das stimmt doch überhaupt nicht, das hat mein Vater nie getan! Ich mußte einfach lachen. Da hatte mein Vater sogar auf dem Sterbebett die unglaublichsten Geschichten erzählt. So überzeugend, daß selbst der Pfarrer beeindruckt war. Und auch ich folge der Tradition der Geschichtenerzähler. Was immer ich schreibe, ob Sciencefiction oder Fantasy oder satirische Romane: Ich spinne Garn.
I: Wer Sie kennt, der weiß, daß Ihr Vater auch in Ihren Romanen eine große Rolle spielt. Lebt er quasi in Ihren Büchern fort?
RR: Hugo Rune, der Held und Antiheld meiner letzten Romanserie, zu der zum Beispiel Der wundersamste Mann, der jemals lebte gehört, ist eine Mischung zwischen meinem Vater und dem wahrscheinlich größten aller englischen Zauberer: Aleister Crowley, der 1947 starb. Ich habe mir überlegt: Was würde geschehen, wenn ich aus diesen beiden Personen meinen Romanhelden zusammenfüge? Das wäre dann jemand, der alles kann und der zu allem immer eine ultimative Antwort hätte. Eben wie Hugo Rune.
I: Ungewöhnlich an Ihren Geschichten ist in der Tat, daß Sie auf komplizierte Fragen die verblüffendsten und ungewöhnlichsten Antworten finden. Fällt Ihnen zu jedem Problem sofort eine außergewöhnliche Lösung ein?
RR: Ich habe vor einiger Zeit einen der antiken Philosophen gelesen, der behauptet, daß wir nichts mit Sicherheit wissen können, außer daß wir nichts wissen. Für jede gute Idee gibt es eine bessere. Jeder gute Plan wird von einem noch meisterhafteren übertrumpft. Alles ist möglich. Ja, und ich kam zu dem Schluß: Wenn mein Romanheld ein Problem auf ungewöhnliche Weise löst, selbst wenn diese Lösung auf den ersten Blick absurd erscheinen mag, warum sollte sie nicht prinzipiell möglich sein? Ich versuche, in meinen Büchern immer unterhaltsame Antworten auf ungewöhnliche Fragen zu geben. Ich liebe ja das Komödiantische. Egal was ich schreibe, es soll witzig sein.
I: Sie sind jemand, der in seinen Büchern häufig Zitate benutzt, z.B. aus alten Filmen, aus Theaterstücken, aus Büchern und aus Musicals. Und daraus ergeben sich oft die von Ihnen angesprochenen ungewöhnlichen Fragen. In einem Buch haben Sie zum Beispiel über Elvis nachgedacht. Ist er für Sie eine Kultfigur, die Sie wirklich interessiert?
RR: Elvis hat mich nie interessiert, solange er lebte. Erst als ich den Totenkult um Elvis sah und von den Gerüchten hörte, er sei eigentlich gar nicht gestorben, wurde die ganze Geschichte spannend. Und da habe ich mir folgendes überlegt: Wenn man irgendwann in der Zukunft auf das 20. Jahrhundert zurückblickt und darüber nachdenkt, wer den Lauf der Geschichte hätte ändern können, muß man auf Elvis kommen. Was wäre wohl geschehen, hätte Elvis 1958 den Kriegsdienst verweigert und hätten Hunderttausende von jungen Amerikanern sich seinem Protest und der Verweigerung angeschlossen? Vielleicht wäre es dann nie zum Vietnam-Krieg gekommen. Und wie sähe die Welt heute ohne den Vietnam-Krieg aus? Diese Idee hat mich gereizt, und ich habe sie dann in einem meiner Bücher weitergesponnen.
I: Woher nehmen Sie eigentlich all Ihre unglaublichen Ideen?
RR: (lacht) Ich habe keine Ahnung, ich weiß es nicht. Manchmal sind es die kleinsten und verrücktesten Dinge, die mich auf eine Idee bringen. Mein Sohn fragt mich unglaublich viel, und ich muß dann darauf eine Antwort finden. Kürzlich sagte er: ?Papa, wenn ich an einem Montag im Januar Geburtstag habe, dann fällt mein Geburtstag im Jahr darauf auf einen Dienstag und ein Jahr später auf einen Mittwoch und so weiter. Wenn ich sieben Jahre alt bin, findet mein Geburtstag eine ganze Woche später statt. Und wenn ich erst einmal 28 bin, dann habe ich vielleicht im Februar Geburtstag.? Und ich hab mir gedacht, was mein Sohn da sagt, ist gar nicht so blöd. Ich habe die Idee dann im ?Buch der Allerletzten Wahrheiten? weiterverfolgt und bin auf eine geradezu teuflische Verschwörung des Vatikans gestoßen. Es ist phantastisch, Kinder zu haben, die einen Dinge fragen, auf die man selbst nie kommen würde.
I: Es geht das Gerücht um, daß Sie am liebsten in der Kneipe bei einem Bier schreiben, und Sie schreiben grundsätzlich Ihre Romane nur in Schulhefte. Stimmt das eigentlich?
RR: Ja, das ist richtig. Das ist meine Rebellion gegen diesen ganzen Computerkram. Ein Computer ist für mich so eine Art Arbeitsmaschine. Ich verbinde Schreiben aber mit Unterhaltung, und wenn ich das Gefühl habe, ich muß arbeiten, dann kann ich nicht schreiben. Bei einem Schulheft ist das anders. Ich sitze gerne in einer Kneipe, schreibe, rauche, trinke Bier, beobachte zwischendurch die Leute und mache mir Notizen. Da fällt mir immer etwas ein. Schreiben macht mir ungeheuren Spaß. Ich glaube, das Schreiben für mich das Aufregendste ist, was es gibt ? mal vom Sex abgesehen. Und ich schreibe häufiger, als daß ich Sex habe.
I: Wir sollten uns noch kurz über Ihren neuen Roman unterhalten; ?Der Garten unirdischer Gelüste?, so der Titel. Was wollen Sie uns darüber verraten?
RR: Nun, die Grundidee ist folgende und hat einen durchaus aktuellen Bezug: Die Jahrtausendwende steht ja kurz bevor, und ich fragte mich, was wäre, wenn tatsächlich ein neues Zeitalter anbräche, in dem die Technik nicht mehr funktioniert? Wie sähe eine Welt aus, die nicht mehr auf der Ratio des Menschen beruht, sondern auf der Magie? Und wie würde sich ein Mensch aus unserer Zeit darin zurechtfinden, der zudem noch eine höchst knifflige Aufgabe zu lösen hat? Gott sei Dank funktioniert in diesem neuen Zeitalter das Prinzip der perkussiven Perlokution tatsächlich, sprich: leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Aber warum soll ich Ihnen das alles erzählen? Sie merken schon, das ist ein unglaublich witziges Buch. Mein Vorschlag ist, Sie laufen umgehend zur nächsten Buchhandlung und kaufen diesen wunderbaren Roman.
I: Man sagt Ihnen nach, Sie nehmen das Leben, egal was da kommt, immer mit Humor. Sind Sie ein optimistischer Mensch?
RR: Manche Leute in meinem Alter, die in den sechziger Jahren von der großen Weltveränderung träumten, sind heute oft frustriert und zynisch. Bei mir ist das anders. Ich sehe die Dinge von der komischen Seite. Sonst müßte man vor lauter Enttäuschungen ja depressiv werden. Diese positive Einstellung hat sicherlich etwas mit Liebe und Wärme zu tun. Und ohne dabei in Klischees zu verfallen, versuche ich das auch in meinen Büchern zu vermitteln. Ich will, daß meine Leser genausoviel Spaß beim Lesen haben wie ich beim Schreiben.
I: Ihr Leben ist recht turbulent verlaufen. Sie hatten angeblich schon über 40 Jobs, aber bei mindestens 38 seien Sie nach kurzer Zeit wieder hinausgeflogen. Seit sechs Jahren sind Sie nun Fulltime-Schriftsteller. Ist das der Beruf, in dem Sie sich wirklich wohl fühlen?
Ich glaube, ich kann nur schreiben, wenn ich mich wirklich wohl fühle. Sonst kämen ja nur schreckliche Geschichten heraus. Mein Leben war lange Zeit recht chaotisch. Viele Jahre war bei uns das Geld sehr knapp, und das hieß: Schulden auf der Bank, die Hypothek fürs Haus war oft überfällig, das Telefon und der Strom wurden abgestellt. Das überlebt man nur mit Humor. Wenn man sich all diesen Problemen wirklich nicht mehr entziehen könnte, würde man untergehen. Kann sein, daß das Schreiben für mich eine Art Flucht aus dem Alltag ist. Nein, ich glaube, es ist mehr: Für mich ist Schreiben sowohl Flucht als auch Therapie und eine Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. All das ? und vor allem jede Menge Spaß!


Buchevent Etzold
Survivor